Gespräch mit Frau Prof. Dr. Andrea Pfeifer, CEO von AC Immune, einem indirekten Beteiligungsunternehmen der MIG Fonds
2026 / 12.01.2026
Frau Professor Pfeifer, AC Immune hat kurz vor Weihnachten positive Studien-Ergebnisse bekanntgegeben – das Handelsblatt hat über „Hoffnung für Parkinson-Patienten“ berichtet. Was genau ist Ihr Fortschritt?
Andrea Pfeifer: Der Fortschritt oder viel mehr das Potenzial, das diese Studienergebnisse aufzeigen, ist ohne Übertreibung dramatisch. Man muss sich vor Augen halten, welches Schicksal Parkinson-Patienten heute in der Regel erwartet. Parkinson kann mitunter recht früh erkannt werden, bis zu 15 Jahre bevor das Stadium erreicht wird, das die meisten beim Wort Parkinson automatisch vor Augen haben, mit motorischen Störungen, chronischem und unkontrollierbaren Zittern. Aber die therapeutischen Optionen, den Krankheitsverlauf frühzeitig gezielt positiv beeinflussen zu können, sind sehr dünn gesät.
Die Zwischenergebnisse unserer Placebo-kontrollierten Studie zeigen erstmals, dass unsere aktive Immuntherapie ACI-7104.056, das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit verlangsamen könnte.
Sowohl die Daten zu den klinischen Symptomen, die Aktivierung des Immunsystems und die erzeugten therapeutischen Antikörper-Titer gegen das Zielmolekül Alpha-Synuclein, sowie die Stabilisierung krankheits-relevanter Biomarker belegen das Potenzial dieser Therapie. Und das ist erst mal gar nicht so gewöhnlich, denn in komplexen, klinischen Studien zeigen selten alle Parameter in dieselbe Richtung.
Ein deutlicher Trend zeichnet sich beispielweise bei der 360°-Bewertung des Schweregrads der motorischen Störungen der Patienten ab, in Fachkreisen als MDS-UPDRS Teil III-Score bekannt. Nach immerhin 18 Monaten in der Studie zeigten die mit ACI-7104.056 behandelten Teilnehmer kaum eine Verschlechterung ihrer Beweglichkeit, Mimik, Sprachfähigkeit etc., während die Krankheit in der unbehandelten Kontrollgruppe wie erwartet fortschritt.
Die Ergebnisse versprechen deshalb einen enormen Fortschritt für Millionen von Patienten und Familien.
Wir könnten damit am Beginn einer neuen Ära stehen, wie wir Parkinson behandeln und langfristig im Zaun halten. Für Patienten und ihre Angehörigen könnte das dramatisch bessere Lebensbedingungen, Selbstständigkeit, und im gewissen Sinne Würde über Jahrzehnte erhalten.
Das Projekt geht zurück auf das MIG-Beteiligungsunternehmen AFFiRiS, von dem AC Immune sämtliche Rechte für das Parkinson-Programm im Austausch gegen AC Immune-Aktien und Barmittel im Jahr 2021 erwarb. Inwieweit konnte AFFiRiS einen Beitrag zu Ihren positiven Ergebnissen leisten?
Andrea Pfeifer: AFFiRiS hat bereits früh auf den therapeutischen Nutzen des eben erwähnten Alpha-Synuclein-Moleküls gesetzt und vielversprechende Daten generiert. Bei Alpha-Synuclein handelt es sich um das humane Protein, deren fehlgefaltete und toxische Versionen für die Krankheitsentstehung von Parkinson mit- oder zentral verantwortlich sind. Eine aktive Immuntherapie soll dem Körper helfen, diese toxischen Versionen zu eliminieren.
Das Projekt passte deshalb sehr gut zu unserem Ansatz der Präzisionsmedizin für neurodegenerative Erkrankungen und wir entschieden, es exklusiv einzulizensieren. Nachdem wir das Projekt komplett transferiert hatten und erste neue Daten generierten, haben wir technologisch noch an einigen Stellschrauben gedreht, aber die Vorarbeiten des AFFiRiS-Teams waren natürlich instrumental auf dem Weg zu den erfolgreichen Studiendaten, die wir heute sehen.
Demenz und Parkinson sind schwere Krankheiten, auf deren Verstehen und die Entwicklung von Medikamenten Sie sich seit Jahrzehnten konzentrieren. Noch gibt es keinen finalen Durchbruch. Was macht es gerade bei diesen Erkrankungen so kompliziert, Therapien zu entwickeln?
Andrea Pfeifer: Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, warum diese Krankheiten so schwer zu fassen sind und sich als herausfordernd für die Pharmaindustrie erweisen. Bei Alzheimer haben wir gelernt, dass sich ernsthafte Symptome, die die Patienten in die Praxis bringen, erst weit nach Einsetzen der biologischen Ursache der Krankheit manifestieren. Jahrzehntelang hat die Forschung deshalb immer nur das „Endstadium“ der Krankheit betrachten können. Eine der großen Errungenschaften der letzten Jahre war es, den Blickwinkel und Fokus progressiv in die Frühphasen zu lenken – mit genetischer Risikoabschätzung und Vorhersage, Früherkennung und Intervention. AC Immunes präventive Strategie mit den aktiven Immuntherapien spiegelt und respektiert diese Erkenntnisse. Mit unseren Therapien wollen wir früh eingreifen und so signifikanten Nutzen über Jahre und Jahrzehnte für Patienten und ihre Familien erreichen.
In diesem Jahr gab es neben Ihrem Erfolg immer wieder Meldungen über Fortschritte bei der Medikamentenentwicklung. Wie beurteilen Sie diese und welche Positionierung hat AC Immune in diesem Wettrennen um den besten Ansatz?
Andrea Pfeifer: Auch wenn das Bild des Wettrennens – gerade an der Börse – gerne herangezogen wird, ist ein „The winner takes it all“ selten die medizinische Realität. Wie in anderen Krankheitsbereichen, Krebs beispielsweise, liegt die Zukunft der Therapie von neurodegenerativen Erkrankungen wahrscheinlich in der Kombinationstherapie einer Auswahl an synergistisch zusammenarbeitenden Ansätzen. In diesem Feld ist AC Immune sehr attraktiv aufgestellt. Unser Ansatz ist klar differenziert, adressiert einige der Kernschwächen bisheriger Produkte wie Sicherheit und Alltagstauglichkeit für Patienten, und könnte dem Gesundheitssystem immense Kosten sparen durch die frühe Intervention. Es besorgt mich also nicht, dass es auch vielversprechende Resultate neben den unseren gibt.
Große Pharmaunternehmen wie Roche, Eli Lilly und auch Bayer arbeiten etwa an Therapien gegen Parkinson, erproben allerdings andere Wirkansätze als wir.
Das AC Immune-Team hat immer wieder gezeigt, dass wir Wege finden, Projekte in Eigenregie zu konzipieren, zu klinischen Meilensteine wie diesem in Parkinson zu bringen und wenn es dem Projekt, den Patienten und unseren Investoren nutzt, Allianzen um diese Wirkstoffe herum zu schmieden.
Wie geht die Reise von AC Immune, einen Durchbruch für Demenz- und Parkinson-Patienten zu erreichen, weiter?
Andrea Pfeifer: Nach diesen ersten Daten in Parkinson steht für mich fest, dass wir etwas ganz Besonderes in den Händen halten, was wir so schnell wie möglich in die Zulassung bringen wollen. Von daher hat das Parkinson-Projekt deutlich an Relevanz und an Wert für unsere Pipeline hinzugewonnen. Die aktuelle Studie läuft weiter und wir erwarten mehr Daten im Laufe dieses Jahres. Die Trends, die diese erste Datensätze schon aufgezeigt haben, hoffen wir so über einen längeren Zeitraum deutlich zu festigen und zu konkretisieren.
Ein großer Fokus von AC Immune bleibt auf den aktiven Immuntherapien gegen Alzheimer.
Gemeinsam ist allen Projekten bei AC Immune – gegen Parkinson und Alzheimer – die Entscheidung zur frühen Intervention und präventiven Aktivierung des Immunsystems, um krankhafte Proteinkomplexe im zentralen Nervensystem zu bekämpfen. Auch unsere Studien in Alzheimer werden 2026 voranschreiten.
Und last but not least, setzen wir schon heute die Marschrichtung für die langfristige Zukunft von AC Immune, suchen neue Impulse für unsere Pipeline und stoßen auch hier Richtung klinische Studien vor. Komplementär zu unseren aktiven Immuntherapien erforschen wir kleine, chemische Wirkstoffe, die in das Innere von Nervenzellen vordringen können. Unsere Entwicklung im Bereich des NLRP3-Inflammasoms, einer Schaltzentrale von krankhaften Entzündungsprozessen, könnte sowohl bei neurodegenerativen Erkrankungen Einsatz finden als auch eine Expansion in die Bereiche Herz-Kreislauf- und metabolische Störungen ebnen.
Rein praktisch geht die Reise aber als nächstes zur J.P. Morgan HealthCare-Konferenzwoche nach San Francisco, einem der wichtigsten Branchen- und Investorenevents des Jahres.
Danke für das Interview, Frau Professor Pfeifer, und gute Reise.