Interview mit Ulrich Scherbel, CEO von AMSilk, zu wichtigen Meilensteinen im vergangenen Jahr
Herr Scherbel, Sie hatten im Herbst vergangenen Jahres angekündigt, dass Kunden noch vor Weihnachten erstmals Mode kaufen können, in der eine von AMSilk biotechnologisch hergestellte Seidenfaser verarbeitet wird. Was genau ist inzwischen erhältlich und wo kann man es kaufen?
Ulrich Scherbel: Balenciaga hat die ersten beiden Bekleidungsstücke hergestellt, eine weiße Wickelbluse und ein schwarzes Kleid, in denen eine von AMSilk biotechnologisch hergestellte Seidenfaser verarbeitet ist. Erhältlich sind die Stücke online sowie in rund 40 ausgewählten Balenciaga Stores in den wichtigsten Modemetropolen weltweit.


Für AMSilk ist das ein wichtiger Meilenstein, weil Verbraucher unser Material damit erstmals direkt in einem kommerziellen Produkt erleben und wirklich fühlen können.
AMSilk setzt mit Balenciaga erstmals ein kommerziell verfügbares Fashion Produkt um. Wie lief die Zusammenarbeit konkret ab und welche Hürden waren auf dem Weg zur Markteinführung entscheidend?
Ulrich Scherbel: Die Zusammenarbeit mit Balenciaga war von Anfang an ein besonderes Verhältnis. Als eines der führenden Luxusmodelabels der Welt hat Balenciaga höchste Ansprüche daran, wie sich ein Balenciaga Produkt für ihre Kunden anfühlt und wirkt. Deshalb standen wir im direkten Austausch mit Design und Materialentwicklung bei Balenciaga sowie mit Kering als Gruppe, damit die kreative Idee präzise umgesetzt wird und das Potenzial unseres neuen Materials im Produkt sichtbar wird.
Parallel haben wir von Beginn an eng entlang der gesamten Wertschöpfungskette gearbeitet, von unserem Garn bei AMSilk über die Textilpartner in der Stoffherstellung bis hin zur Konfektion. Diese Abstimmung erfordert professionelle Prozesse, industrielle Reife und ein hohes Maß an Vertrauen auf allen Seiten. Die größte Hürde war der Sprung vom Entwicklungsmaßstab in die Fertigung auf bestehenden industriellen Anlagen, obwohl es sich um ein völlig neues Material handelt. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer Idee, die einmalig bleibt, und einer Innovation, die dauerhaft Veränderung schafft, im Business ebenso wie mit Blick auf eine bessere Zukunft für unseren Planeten.
Sie sprechen von einem nachhaltigen Ansatz. Was bedeutet das bei Ihren Produkten konkret und worin unterscheiden sie sich von klassischer Seide?
Ulrich Scherbel: Nachhaltigkeit beginnt schon damit, wie wir unsere Produkte herstellen. Wir produzieren sie aus pflanzlichen Rohstoffen mit biotechnologischen Verfahren wie Precision Fermentation und schaffen damit eine Alternative zu Materialien tierischen Ursprungs. Das Umweltprofil haben wir über eine Lebenszyklusanalyse nach internationalen ISO Standards prüfen lassen. Sie zeigt, dass unsere AMSilk Faser im Vergleich zu konventioneller Maulbeerseide bei zentralen Kennzahlen besser abschneidet, unter anderem bei CO2 Emissionen, Wasser und Flächennutzung sowie bei der Belastung von Ökosystemen. So leisten wir einen Beitrag zur Transformation der Modeindustrie.
Nachhaltigkeit ist bei AMSilk Teil unserer DNA.
Welche weiteren Chancen sehen Sie als Partner im Fashion Segment?
Ulrich Scherbel: Wir sehen unsere Produkte zunächst im Luxus und Premiumsegment, weil dort die Ansprüche an Materialqualität, Haptik und Design besonders hoch sind und Marken gezielt nach Lösungen suchen, die Innovation und Verantwortung verbinden. Unsere Biotechnologie Plattform ermöglicht Innovation auf zwei Ebenen, im Protein Design auf molekularer Ebene und im Spinnen des Garns. So können wir Eigenschaften gezielt weiterentwickeln und immer wieder neue Materialvarianten schaffen. Das unterscheidet uns von den bisher existierenden Fasern. Gleichzeitig geht es um sichere und transparente Lieferketten. Unsere Produkte sind Made in Europe. Das bedeutet weniger Abhängigkeit von Asien, kürzere Transportwege und geringere Komplexität, bei voller Nachvollziehbarkeit von Herkunft und Herstellung. Damit tragen wir auch zu stärkeren und resilienteren Geschäftsmodellen in Europa bei.
Unsere Produkte sind Made in Europe.
Diese Fortschritte waren nur möglich, weil AMSilk die Produktion seiner biotechnologisch hergestellten Seidenfaser skalieren konnte. Wie ist Ihnen der Sprung vom Entwicklungsmaßstab in die industrielle Fertigung gelungen?
Ulrich Scherbel: Drei Dinge waren für diesen Sprung entscheidend. Erstens Fokussierung und Disziplin in der Skalierung. Wir haben konsequent vom Kunden hergedacht und uns auf die Anwendungen konzentriert, bei denen unsere Technologie tatsächlich industrielle Realität werden kann. Das heißt auch, die richtigen Prozesse zu priorisieren und Schritt für Schritt so auszubauen, dass sie im industriellen Alltag funktionieren.
Zweitens Kollaboration. Uns ist es gelungen, weltweit führende industrielle Hersteller für unser Produkt zu gewinnen und gemeinsam an industriellen Produktionslösungen zu arbeiten, aus denen ein profitables Geschäft entsteht. Das war fundamental, weil diese Partner ihr Produktionswissen eingebracht haben und wir so die Prozesse entwickeln konnten, mit denen unser neues Material auf bestehenden industriellen Großanlagen hergestellt werden kann.
Drittens eine Shareholder Basis, die Erfahrung darin hat, Geschäfte zu skalieren, und die den strategischen Weitblick und die Ausdauer mitbringt, solche grundlegenden Materialinnovationen, die Industrien verändern können, langfristig mitzugestalten.
AMSilk hat mit dem Launch und den ersten Kunden einen wichtigen Durchbruch erreicht. Was sind Ihre nächsten Ziele?
Ulrich Scherbel: Die Weltpremiere mit Balenciaga ist für uns ein Anfang, kein Endpunkt. Unsere nächsten Ziele sind, die Technologie weiter zu skalieren und neue Partnerschaften im Luxus und Premiumsegment aufzubauen. Wir möchten unsere Produkte in einer breiteren Palette exklusiver Anwendungen sehen, von weiterer Mode über Accessoires bis hin zu Einsatzfeldern in anderen Branchen wie Automotive und auch im Consumer Care Bereich.
Wir sind überzeugt, dass biotechnologische Materialien die Zukunft prägen werden und AMSilk dabei einer der führenden Player sein wird.



