Wie die MIG Fonds Investitionen in Dual-Use-Startups betrachten
Autor: Dr. Nicolas Rose-André, Principal MIG Capital, und Christina Vogt-Sasse, Senior Associate MIG Capital
Seit Deutschland massiv in Verteidigungsausgaben investiert, um der neuen geopolitischen Wirklichkeit gerecht zu werden, liegen Start-ups im Wehrsektor im Trend. Unsere Herangehensweise an Investments hat sich seit der sogenannten „Zeitenwende“ jedoch weniger verändert, als man glauben könnte. Wir investieren seit jeher in technologische Durchbrüche mit wirksamem Impact, die eine „bessere Zukunft“ ermöglichen. Neu ist, dass man heute offen ausspricht, dass Souveränität und Sicherheit, die unsere Freiheit und unsere Werte schützen, Teil davon sind. Investitionen in Defense- und Dual-Use-Startups gehören damit heute in hohem Maße zu dem europäischen Streben nach technologischer Eigenständigkeit, den wir als MIG schon seit längerem verfolgen. IQM beispielsweise befindet sich im globalen Wettbewerb mit anderen Unternehmen des Quantencomputing und ist ein Baustein der europäischen Unabhängigkeit in diesem Zukunftsfeld.
Entsprechend unterziehen wir als MIG Fonds auch Investments im Rüstungs- und Dual-Use-Segment einem Reality-Check. Wir fragen uns: Ist eine Technologie nicht nur wirtschaftlich tragfähig, sondern ist sie auch in einem geopolitischen Kontext relevant? Innovationen in Hochtechnologien sind seit der Erfindung des Feuers durch unsere Vorfahren militärisch bedeutend gewesen. Das ist heute nicht anderes: KI-Modelle, Halbleiter und Computerchips, Quanten- und Sensortechnologie, Neue Materialien, SpaceTech – DeepTech ist nicht per se bereits Dual-Use, aber war schon immer sehr nah dran.
Ein gutes Beispiel in unserem Portfolio ist LookUp im Space-Tech-Bereich, an dem wir seit 2023 beteiligt sind. LookUp baut Radar-basierte Infrastruktur, um Objekte im Orbit in Echtzeit zu tracken. Der kommerzielle Use Case ist klar: Situational Awareness für Satellitenbetreiber, beispielsweise zur Kollisionsvermeidung. Gleichzeitig ist das hochrelevant für sicherheitsbezogene Anwendungen wie dem Tracking möglicher Spionagesatelliten. Genau so entsteht Dual-Use in der Realität, weil die Technologie mehrere kritische Probleme löst.
Wir haben selbstverständlich seit der Zeitenwende bei unseren Bewertungen von möglichen Deep-Tech-Investments die Aspekte Sicherheit und Verteidigung stärker im Blick als das früher der Fall war.
Ein Blick über den Tellerrand
Es ist allgemein bekannt, dass die USA uns im Aufbau und in der Kommerzialisierung neuer Technologien, besonders im Bereich Dual-Use, weit voraus sind. In Deutschland waren wir immer stark in Wissenschaft und Engineering, und das sind wir auch heute noch. Die Teams aus den Universitäten, mit denen wir täglich sprechen, sind unglaublich stark – gut ausgebildet, smart, ambitioniert. Dies gilt selbstverständlich auch für die jungen Unternehmen, die sich mit Dual-Use und explizit mit Defense-Technologien beschäftigen. Gerade rund um München ist hier ein sehr starkes Cluster entstanden, das die Fähigkeit der deutschen Start-up-Szene unterstreicht.
Die Kennzahlen bestätigen diesen Eindruck eindrucksvoll: Helsing aus München hat sich zum wertvollsten Dual-Use-Startup Europas entwickelt – die Bewertung könnte von rund 12 Milliarden Euro im Juni 2025 auf etwa 18 Milliarden US-Dollar in einer aktuell verhandelten Runde steigen. Quantum Systems aus Gilching hat seine Bewertung binnen weniger als einem Jahr von 3,5 auf 8 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt, und die Berliner Stark erreichte, erst Anfang 2024 gegründet, in nur 30 Monaten eine Bewertung von über 3,5 Milliarden Euro – der Median bis zum Unicorn-Status liegt branchenübergreifend bei rund sieben Jahren. Auch ARX Robotics hat sich als weiterer Münchner Akteur etabliert, unter anderem mit einer Beteiligung des Industriekonzerns Deutz. Das Muster zeigt sich auch außerhalb Deutschlands: Das portugiesische TEKEVER erreichte 2025 als Unicorn eine Bewertung von rund 1,3 Milliarden US-Dollar.
Bemerkenswert dabei ist, dass gerade diese schnell wachsenden Startups selbst zunehmend als Käufer auftreten. Laut einer gemeinsamen Analyse von Dealroom.co und dem NATO Innovation Fund liegt die M&A-Aktivität im europäischen Defense-, Security- und Resilience-Sektor mittlerweile viermal so hoch wie noch vor vier Jahren – vorangetrieben vor allem von sogenannten „Neo-Primes“, die Startups im Dual-Use-Sektor übernehmen, um ihr Angebot zu verbreitern und geografisch zu expandieren. Die etablierten europäischen Rüstungskonzerne bleiben im Vergleich auffallend zurückhaltend bei eigenen Zukäufen.
Aber auch die Startups dieser Kategorie sind damit konfrontiert, dass es ihnen teils unnötig schwer gemacht wird, ihre Vision in erfolgreiche Unternehmen zu übersetzen. Wir denken immer noch zu national, während sich wirklich durchschlagende Lösungen nur als europäische Partner finden lassen. Wenn wir geopolitisch relevant sein wollen, dann nur als Europa. Die Gründerszene denkt längst so, die Investorenseite auch.
Europa finanziert im Dual-Use- und Defense-Sektor viele gute Ideen, aber die großen Skalierungsschritte passieren möglicherweise auch auf diesem Feld woanders – wo es mehr Kapital und weniger Regulierung gibt.
Exit-Chancen für VC-Investitionen bei Dual-Use
Realistischerweise ist M&A aktuell oft der naheliegendere Weg, gerade im Dual-Use-Umfeld. Europäische Defense- und Aerospace-Konzerne, sogenannte Primes, sind oft wenig aggressiv in ihrem Akquisitionsverhalten, fungieren aber als strategische Integratoren für Technologien entlang bestehender Programme und Supply Chains – insbesondere, wenn diese für Souveränität oder Plattformfähigkeit kritisch sind. Daneben beobachten wir ein starkes Wachstum von Neo-Primes die wesentlich akquisitionsorientierter denken als bereits etablierte Player. Konkret zeigt sich das etwa bei Helsing, das binnen weniger Monate den Flugzeugbauer Grob Aircraft, den australischen Unterwasserdrohnen-Spezialisten Blue Ocean und das spanische Robotik-Startup Keybotic übernommen hat, bei Quantum Systems, das AirRobot, Nordic Unmanned und Spleenlab akquirierte, bei Stark, das sich das Engineering-Startup Pleno einverleibte, sowie bei TEKEVER, das sich mit der Übernahme des West Wales Airport einen eigenen Test- und Produktionsstandort in Großbritannien sicherte. Die Börse ist langfristig ein absolut relevanter Exit-Pfad, aber dafür braucht es einen besser funktionierenden europäischen Kapitalmarkt. Die Diskussion rund um die Savings & Investment Union geht in die richtige Richtung, und könnte massive Hebel in Bewegung setzen. Solange diese Frage aber nicht gelöst ist, bleibt der Exit-Markt strukturell limitiert, und Börsengänge werden weiter standardmäßig in New York vollzogen, was gerade im Dual-Use-Bereich nicht zwingend im Sinne europäischer Souveränität ist.
Technologisch sind wir sehr optimistisch, dass Deutschland ein relevantes Startup-Ökosystem im Defense und Dual Use-Segment in den nächsten Jahren aufbaut, die bisherigen Fortschritte sind beachtlich.
Wir haben unglaublich viele fähige Gründer, die mutig sind und groß denken. Die offene Frage bleibt jedoch die Skalierung: Bekommen die Dual-Use-Startups das notwendige Kapital und kann der politische Wille zur Verteidigungsfähigkeit in wirtschaftliche Nachfrage in die entstehenden Technologien übersetzt werden?
Wir als MIG Fonds beobachten diese Entwicklung intensiv und werden dabei in Zukunft von Fall zu Fall im Rahmen unserer Grundsätze und Werte aktiv werden.



